Ibrahim Selman: Die Mutter aller Fragen

Zeichnungen von Salam Khedher.

Meinen eigenen Geburtstag feiere ich nicht aber ich besuche gerne manchmal ein Fest. Während meinem Studium und in daran anschliessenden Jahren, konnte man mich, öfters als heute der Fall ist, auf Partys begegnen. Je kleiner die Festgesellschaft, desto angenehmer, so empfand ich es damals. Mitten in den achtziger Jahren, landete ich einmal an einer Geburtstagparty von einem befreundeten Theaterdirektor. Ich war ein Dreissigjähriger und hatte eine gute Stelle als Dozent an der Universität in Amsterdam. Der Andrang war gross: eine Gruppe von mehr als achtzig Personen feierte dort und sprengte den Raum des Hauses. Ich kannte nur ein paar Seelen und auf meiner Stirn konnte keiner lesen, dass ich Dozent war. Ein Ausländer kann alles sein: Flüchtling, Asylant, Krimineller, Gastarbeiter oder ein ganz gewöhnlicher Tourist. Für mich ist es schockierend, um mitten in einer mir unbekannten Gruppe Menschen zu stehen, die alle total voneinander verschieden sind, aber sich dennoch auf ihrem eigenem Territorium zu befinden scheinen. Manch einer wird verunsichert, für andere jedoch ist es wiederum ein Fest, sich unter laute Unbekannte zu begeben.baghdad 1

Normalerweise bin ich neugierig nach dem was die Menschen mir so alles erzählen und ich berichte auch gerne über mich selber. Erzähle gerne, vor allem über mein Volk, die unterdrückten Kurden. Aber an solch einem Fest wird man in einer Wüste von fremden Augen plötzlich zum Gefangenen. Du ahnst den Sandsturm aber er ist unsichtbar. Als Flüchtling und exotischer Dreissigjähriger braucht man nicht lange auf Annäherung zu warten, wenigstens war es damals so der Fall. Eine attraktive junge Dame sprach mich an. Ich war nun schon einige Jahre in Holland und hatte während diese Zeit viel über meine Flucht und das Elend der Kurden erzählt. An diesem Abend hatte ich das Bedürfnis mal über etwas anderes zu reden. Einfach nur so, über Theater, meine Aufführungen, mein Leben als Dozent, über (pessimistische) Philosophie, über die Innen–und Aussenpolitik, über Schönheit und die flache Holländische Landschaft. Vielleicht über Kochen oder Fussball.

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Es gibt Unmenge von Gesprächsthemen mit denen man eine Bekanntschaft von Zaun brechen kann. An dem Abend war ich aber passiv und die junge Frau stellte, unbewusst, nicht die richtigen Fragen. Natürlich konnte sie nicht wissen, wie sehr ich unter all den fremden Blicken leide, die ich auf mich gerichtet fühlte. Sie ahnte nicht, wieso ich mich zwischen all den Ohren, Füssen, dem Rauch und Atem von diesen Menschen nicht wohlfühlen konnte. Sie konnte nicht wissen, dass ich das Bedürfnis verspürte aus meiner eigenen Wüste zu flüchten, aus meiner Vergangenheit. So wie sie nicht wissen konnte, dass die Gespenster meiner Freunde, Verwandten und die Verwundeten des chemischen Angriffs auf mein Volk sich um mich scharten. Einige Wochen davor hat Sadam Hussein die Stadt HLabdja mit Giftbomben attackiert und Tausende von Menschen getötet. Sie konnte nicht wissen, dass ich das Gift, das dort verstreut wurde. jetzt hier einatmete. Ich sah freundlich und vital aus, aber sie sah die Maske nicht. Sie konnte ebenfalls nicht wissen, dass sie mit ihrer ersten Frage direkt voll ins Ziel traf.
Es war eine durchaus normale Frage und lautete: “Wo kommst du her?“.
In dieser Frage steckte mehr Gift als in all diesen chemischen Bomben.
Sie war wie eine Lanze, die einen fliegenden Vogel in seinem Flügel trifft.
Mir wurde schwindelig. Mit dieser Frage gelangten wir in einen nichtumkehrbaren Prozess. Keiner von uns beiden wollte in dieser herunterreissenden Spirale einsteigen, aber wir wurden von einer unsichtbaren Kraft mit nach unten gezogen.
Meine Antwort auf ihre erste Frage war: „Ich komme aus Kurdistan“.
Das brachte sie aus dem Gleichgewicht. Sie wusste nicht, was oder wo Kurdistan war. Weil ich mit dieser Reaktion schon gerechnete hatte, da die Mehrheit der Europäer keine Ahnung hatte, wer die Kurden sind, fügte ich hinzu: “Ich komme offiziell aus Irak”. Damit wollte ich ihr einen Ausweg bieten, aber es entstand nur noch mehr Verwirrung. Ihre Augen drehten in ihre Augenhöhlen schnell eine Runde. Inzwischen war es mir klar geworden, dass sie keine Geografie unterrichtete.
“Irak? Offiziell?”, sagte sie in einem fast kindlichen Ton.
Mein Verantwortungsgefühl, gepaart mit Anstand, den ich als Gast mitbringen sollte, erwachte und veranlasste mich zu erzählen, wo sich Irak befand und dass Irak sich im Krieg mit seinem Nachbarstaat Iran befand. Dass diese beiden Länder sich im Krieg befanden, wusste sie schon, aber sie wusste nicht, aus welchem der beiden Länder ich nun tatsächlich kam. Obwohl ich ihr das gerade erzählt hatte. Auch das nahm ich ihr nicht übel, da ich das schon öfters erlebt hatte, sogar bei Personen, welche ich schon Monate kannte und denen ich meine Geschichte schon erzählt hatte. Es war natürlich auch schwierig. Die Namen der beiden Länder unterscheiden sich nur durch einen Buchstaben am Ende. Es sind Nachbarländer. Sie befanden sich im Krieg. Beide hatten einen Diktator.

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Der Einer war damals, in den Augen des Westens, ein guter und befreundeter Diktator. Der andere, ein älterer mit Bart und Turban, wurde in der Welt als Bösewicht wahrgenommen. Dazu kam noch, dass diese Diktatoren schwierige Namen trugen: Sadam Hussein und Ayatollah Khomeini. Notgedrungen musste ich nun die Situation einer Person erklären, die am Geschehen im Mittleren Osten überhaupt nicht interessiert war. Sie kam, nach meiner Einschätzung, zum Geburtstag um sich ein Abend lang zu amüsieren. Vielleicht sah sie in mir ein „one night stand“, eine Flucht in die Exotik, eine Frucht zum anbeissen. Aber ich war eine noch nicht ganz reife Artischocke: Roh und stachelig. Wir spürten beide wie eine tiefe Kluft der Antipathie sich zwischen uns schob, eine Kraft die uns auseinander trieb. Ich beantwortete höflich ihre Fragen, aber zeigte deutlich meine Unlust selber etwas zu erzählen. Sie hörte zu, auch sehr höflich, ohne auf zu nehmen, was ich sagte. Unsere Wörter klangen hohl, unsere Augen waren ohne Glanz, in unseren Seelen tröpfelte leise die Melancholie. Wir suchten einen Ausweg. Nach einer Stunde waren wir erschöpft, als ob wir gerade drei Mal hintereinander einen Marathon gelaufen hätten. Sie, wiederum sie, nahm der Initiative, um diese für die anderen unsichtbare Folter zu beenden. Sie fragte, ob ich noch Lust auf ein Glass Wein hätte und lief davon. In diesem Moment, exakt in dem Moment, als sie sich umdrehte um zwei Gläser Wein zu holen, gesellte sich eine andere Frau zu mir.
“Hoi”, sagte sie.
In dieser einsamen Sekunde versuchte ich gerade die schwere Last meiner Vergangenheit auf den Boden zu legen und suchte einen Ausweg, um zu flüchten. Aber es gelang nicht.
Die neue Frau welche „Hoi! “ zu mir sagte, reichte mir die Hand und stellte sich vor. Ich nannte ebenfalls meinen Namen.

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Meine Vergangenheit, die seit einer Sekunde auf dem Boden lag, sprang auf meine Schultern und drang in meinen Körper bis in den Magen hinein. Ich schaute in die grünblauen Augen der Frau, während sie meine rechte Hand noch in ihren zarten Händen hielt. Ich flehte sie mit meinen Augen an, mir die nächste Frage, die Folterfrage, nicht zu stellen. Aber sie interpretierte den flehenden Blick anders und stellte sie dennoch, die Mutter aller Fragen.

“Woher kommst du?”

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Meine Augen weichten ihrem Blick aus. Ich sah, wie etwas weiter von uns entfernt, ihre Vorgängerin dabei war, zwei Weingläser ein zu schenken und schnauzte sie an:
“Sehen sie die Dame dort, in dem schwarzen Kleid und den zwei Gläsern Wein?“.
„Ja”, sagte sie leise.
Es hörte sich an, als ob sie dazu gezwungen wurde, ihr eigenes Todesurteil zu bestätigen.
„Diese Frau weiss alles über mich. Stellen sie ihr diese Frage.“
Und ich drehte mich um, bahnte mir einen Weg durch die Augen, Ohren, durch die Gespenster meiner Vergangenheit und erreichte mit Mühe den Ausgang. Der eiskalte Wind fühlte sich wie eine frische Brise an. Die Gespenster bildeten einen Kreis, tanzten, sprangen, sangen ein Kurdisches Lied und streckten mir ihre Zungen entgegen. In diesem Moment, in einer Aufwallung vor Wut, wünschte ich mir, sie brennen zu sehen. Ich schämte mich für meine Gedanken. Durch die Strasse von Amsterdam wandernd, beschloss ich niemals mehr ein Geburtstagfest zu besuchen. Aber nichts ist so wandlungsfähig wie der Mensch. Ich hielt mein Versprechen ungefähr zehn Jahre ein. Danach besuchte ich wieder kleine Geburtstagfeste von Menschen, die mich kannten, die mich nicht fragen mussten, woher ich komme. Im Juni dieses Jahres las ich, in einem bescheidenen Rahmen, aus meinen Gedichten vor. Der Dichter Simon Vinkenoog war dort. Am Schluss der Veranstaltung, lud mich seine Frau zur Feier seines achtzigsten Geburtstages in der öffentlichen Bibliothek in Amsterdam ein. Ich nahm mir sechs Wochen Zeit, um heraus zu finden, was ich mit der Schizophrenie in mir anfangen sollte, bevor ich den Entschluss fasste, trotzdem hin zu gehen. Und ich ging. Schon beim Lift angekommen, wusste ich, dass ich der Steppenwolf war. Einer der den Tod immer mit sich trägt. Als ich in die Kantine kam, fand ich dort wieder die Wüste vor. Natürlich sucht man in solcher Situation nach bekannten Gesichtern und die sah ich auch. Glücklicherweise.

Die Mutter aller Fragen wurde nicht gestellt.

Im Vorfeld der Festlichkeiten war ich nicht passiv, ich machte rege Bekanntschaften und sammelte Informationen. Wohl vermied ich behutsam solche Fragen zu stellen, die aus einem Menschen einen Wolf machen könnten. Im Theater sass ich neben einer jungen Frau, rund um die Dreissig mit dunklem, gelocktem Haar. Als ich ihren Namen hörte, passierte es. Spontan entfuhr mir der Satz: „Wo kommst du her?“

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In ihren Augen sah ich meine eigene Reaktion all der Momente, in denen mir im vergangenen Vierteljahrhundert diese Frage gestellt wurde. In solch einem Moment erkennst du, dass jeder Versuch die Sache wieder rückgängig zu machen, misslingen wird und es ist besser, das Gespräch sofort zu beenden. Zum Glück wurde mit den Feierlichkeiten auf dem Podium bald angefangen.

Als der Abend halbwegs vorbei war, flüsterte die Dame neben mir, mit dem Anstand eines Kindes einer Gastarbeiterfamilie: “Ich setze mich lieber da hin, weil ich dort alles besser verstehen kann“. Ich aber wusste den wahren Grund. Ich trug den Gestank einer übel riechenden Frage, die sich unter normalen Umständen anständig anhört. Mir war es bis dahin nie richtig bewusst gewesen, dass ich mich unbemerkt dermassen integriert hatte. Von meinen Gespenstern gestört, konnte ich die Geschehnisse um mich herum kaum noch weiter verfolgen. Unzählige Steppenwölfe umzingelten mich und von mir Besitz ergriffen. Seit mehr als einem Vierteljahrhundert versuche ich heraus zu finden, warum ich es unangenehm empfinde, wenn mich Menschen nach meiner Herkunft fragen, während ich doch Bücher damit fülle und endlos Artikel darüber schreibe. Ist es eine tiefe Sehnsucht als gleichwertiger behandelt zu werden und nicht im Käfig des Einwanderers sitzen zu müssen, wie grosszügig bemessen oder luxuriös dieser auch sein mag? Bin ich ein Klaustrophob? Aber ist nicht jeder Heimatloser, der die Grenzen seiner inneren Heimat zurück gelassen hat, ein Klaustrophob? Bin ich ein Grenzgänger? Oder habe ich, wie jeder Fremder, etwas zu verbergen, habe ich über etwas gelogen, so wie Ayaan Hirsi Ali es tat? Die Frage: „Wo kommst du her“, erzeugt einen Schrecken in mir, ein nicht wieder zu reparierender Schaden in meinem tiefsten Inneren, der durch das Verlassen meiner Heimat verursacht ist, wodurch alle Wesen aus meiner Vergangenheit sich in Wölfe verwandeln.